Digitalisierung in Deutschland: Deutschland ist ein fauler Schüler

Mal abgesehen von unserem Anspruch des lifelong learning – können Sie sich noch gut an Ihre Schulzeit erinnern? Haben Sie das damals auch gemacht – immer erst zwei bis drei Tage, manchmal einen Tag vor der Klassenarbeit oder Klausur, angefangen den Stoff zu lernen? Und es hat doch immer gepasst, oder? Das ist effizient. Und faul. Was sich ja bekanntlich nicht ausschließt.

Zum Stoff: In den letzten Tagen und Wochen gibt es Meldungen über Innovationen und Technologien, die uns aufhorchen lassen sollten.

So fahren die Fahrzeuge von Tesla seit Oktober letzten Jahres in Deutschland (!) auf Wunsch des Fahrers vollkommen autonom. Fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit.
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Quelle: facebook.com/zuck

So releasen Samsung und in Kürze auch Sony und Facebook im breiten Consumermarkt Virtual Reality-Geräte und revolutionieren damit nicht nur die Unterhaltungsindustrie, sondern ermöglichen als Vorreiter vollkommen neue Anwendungen, wie z.B. effektiveres Qualitätsmanagement oder auch Lernen durch Augmented Reality. Einmal ganz abgesehen von der vollständigen Verschiebung des Point of Sales zum Consumer nach Hause, der sich im warmen Wohnzimmer das Wunschauto oder Traumhaus bereits aus allen Perspektiven von innen anschauen kann.

So erreichen uns YouTube-Videos der neuesten Generation des Roboters „Atlas“ von Boston Dynamics, der durch den Wald joggt, spielend Regale ein- und ausräumt und dabei von Menschen trotz kraftvoller Versuche kaum aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann.

So besiegt Google DeepMinds AlphaGo, ein in erster Linie auf anhand tiefer neuronaler Netze selbstlernender Software basierendes System, endgültig die menschliche Intelligenz, indem es nicht nur im einfachen und unkomplexen Spiel Schach – wie bereits in den 90er Jahren populär – den Menschen schlägt, sondern in dem aufgrund seiner Vielschichtigkeit und Komplexität als Meilenstein der künstlichen Intelligenz definierten Brettspiels „Go“, einen 18-fachen Weltmeister. Vernichtend mit 4:1.

Das stellt einen Meilenstein, vielleicht sogar einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit, dar. Ist es doch absehbar, dass in ein paar Jahren, vielleicht auch Monaten, jedes Smartphone intelligenter ist als sein Besitzer.

Digitalisierung auf dem Vormarsch – nur nicht in Deutschland

Der Sieg der Software über den Menschen hat in Südkorea einen regelrechten Schock ausgelöst. Hat man doch fest mit einem vernichtenden Sieg von Lee Sedol, Träger des 9ten Dan und 18-facher Weltmeister, ein Volksheld in Südkorea, über Software und Maschine gerechnet. Und dann das.

Und was macht Südkorea? Nun, Südkorea investiert umgehend 1 Billion Won (760 Millionen Euro) in die Erforschung und Weiterentwicklung der Artificial Intelligence. Klingt ja auch logisch. Fleißig, die Südkoreaner.

Und in Deutschland? Nun – die meisten dieser faszinierenden Nachrichten sind in der breiten Öffentlichkeit gar nicht bekannt. In Deutschland gibt es offensichtlich andere Themen. Uns geht das irgendwie gar nichts an, denn das passiert ja alles in den USA und in Südkorea. Und was soll das überhaupt? Schließlich haben wir doch fast alle Smartphones. Und Autos. WIR haben schließlich die weltweit führende Autoindustrie! Oder nicht? Oder haben wir die Position des technologischen Vorreiters auf diesem Gebiet längst verloren? Verloren an Tesla, ein Unternehmen, das nicht einen einzigen erfahrenen Automobilexperten beschäftigt.

Und Smartphones als Schlüssel zur Teilnahme am digitalen Wandel: Sind wir wirklich so gut, wie wir glauben?

Tatsächlich ist Deutschland auch hier weltweit überhaupt nicht gut aufgestellt. Tatsächlich liegen wir sowohl in Europa, als auch weltweit gerade mal im Mittelfeld. Sowohl Nutzungsgrad als auch Besitzdichte sind in einigen afrikanischen Ländern erheblich höher als in unserem „modernen Deutschland“.

Und tatsächlich wissen wir Deutsche auch scheinbar überhaupt nicht, was da passiert, und was möglich wäre – so zeigt eine aktuelle Studie, dass die meisten technologischen Neuerungen und Möglichkeiten den Bundesbürgern gar nicht bekannt sind.

Die aktuelle Umfrage der TNS infratest zeigt, dass etwa 80% der Befragten mit Begriffen wie Wearables, Internet der Dinge und Industrie 4.0 gar nichts anfangen können. Über 50% der Befragten haben überhaupt noch nichts von der Möglichkeit des Mobile Payment gehört…

Da muss einen eigentlich gar nichts mehr wundern.

Keine erfolgreiche Marke ohne digitales Geschäftsmodell

Die wertvollsten Marken der Welt sind mittlerweile Marken von Softwareunternehmen und Anbietern von Clouddiensten. Kaum noch klassische Marken ohne digitales Geschäftsmodell, die es unter die Top Ten schaffen. Deutsche Konzerne schaffen es allenfalls noch ins Mittelfeld der Top 100. 1)

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Und darüber hinaus waren die am schnellsten wachsenden Unternehmen dieser New Economy wie Uber, Airbnb oder Alibaba vor 20 Jahren nicht einmal am Markt. Aber sie sind extrem erfolgreich, indem sie sich – verkürzt dargestellt – sehr genau anschauen, welchen Mehrwert der Kunde wirklich erwartet, und nur dieses Stückchen Mehrwert in einfacherer, besserer Qualität unter Anwendung disruptiver Innovation anbieten.

Und es ist kein Zufall, dass sowohl die wertvollsten Unternehmen der Welt allesamt aus den USA kommen, die beiden wertvollsten mit der höchsten Marktkapitalisierung aus dem Silicon Valley, gerade ein paar Meilen voneinander entfernt, und die „jungen Wilden“, die stark wachsenden, disruptiven Innovationsführer ebenfalls allesamt aus dem Valley stammen.

Nur dort treffen extrem gut ausgebildete junge Menschen in einer derart großen Zahl auf eine derart ausgeprägte Gründerkultur. Nur dort gibt es eine derart hohe Vernetzung zwischen etablierten, großen Unternehmen und Visionären mit revolutionären Ideen. Nur dort wird derart konsequent der Human-Centered-Design-Ansatz gelebt und die Lean-StartUp-Methodik unverrückbar in den Mittelpunkt gestellt.

Und demzufolge suchen dann auch nur dort Investoren nach erfolgversprechenden Unternehmen, in die sie schon früh investieren können. Das Ausmaß der jährlichen Investitionen in dieses „disruptive Founder-Ecosystem“ ist dabei gigantisch. Etwa 30 Mrd. US-Dollar pro Jahr. Es würde mich nicht wundern, wenn wir schon in ein paar Jahren weitere Silicon Valley Unternehmen im Ranking der Top 10 sehen würden.

Uneinholbar abgehängt?

Aber was heißt das für uns in Deutschland? Sind wir uneinholbar abgehängt? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass der gute Bildungsstand, sowie die Kultur in Deutschland, dem Volk der Dichter und Denker, als auch unsere Liebe zur Technik und die Tendenz zum Ingenieurswesen in Zeiten des digitalen Wandels und des damit einhergehenden Umbruches vieler gesellschaftlicher und kultureller Konventionen eine tolle Chance für uns Deutsche ist.

Unsere internationale wirtschaftliche und wissenschaftliche Vernetzung ist ebenfalls gut. Ich glaube, Deutschland hat ein enormes Potenzial, den digitalen Wandel mitzugestalten und wesentliche Impulse zu setzen, statt wie bisher, hinterher zu laufen.

Der just verabschiedete digitale Masterplan der Bundesregierung und die erfolgversprechende Entwicklung der StartUp-Kultur in Berlin macht Hoffnung.

Um auf meine kleine augenzwinkernde Einleitung und Überschrift zurückzukommen: Wir Deutsche sind – so glaube ich – intelligent und ein bisschen faul. Das ist “högscht effizient”, wie unser Lieblings-Bundestrainer Jogi Löw es ausdrückt.

Es ist aber bereits „eine Stunde vor der Klausur“ und wir können noch lernen.

Make.

Wir müssen das nur tun. Wir müssen es machen. Das ist schon alles…

Und – wie sagte damals schon mein Großvater? – „Du kannst besser mit einem Faulen arbeiten, als mit einem Dummen!“

In diesem Sinne freue ich mich auf die tollen Produkte und Services, die d.velop in den nächsten Wochen und Monaten vorstellen und releasen wird, denn die Lean-StartUp-Methodik sowie der Human-Centered-Design-Ansatz wird bei uns seit vielen Monaten gelebt. Ich bin begeistert von den fantastischen Produkten und Lösungen, die meine Kollegen in der letzten Zeit geschaffen haben.

Freuen Sie sich also auf unser „Make“! Ich tue es.

Quelle:

1) Vgl. http://kurier.at/wirtschaft/unternehmen/ranking-apple-ist-wieder-die-wertvollste-marke/132.887.383

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