Antworten auf neue strategische Herausforderungen in Banken und Versicherungen
Das Zusammenspiel von generativer KI und KI-Agenten, Embedded Finance und Open Data – drei disruptive und sich verstärkende Trends in Financial Services – verändert die Spielregeln für Banken und Versicherungen. Selten zuvor wirkten so viele Innovationsströme gleichzeitig und eröffneten Finanzinstituten derart weitreichende Chancen, aber auch strategische Herausforderungen.
Wir haben mit Professorin für Innovationsmanagement, Dr. Silke Finken, darüber gesprochen, warum diese Entwicklungen gerade jetzt so kraftvoll ineinandergreifen, welche neuen Möglichkeiten sich aus der Öffnung von Finanzdaten ergeben und wie Banken und Versicherer KI sicher, wertschöpfend und compliant einsetzen können.
Ein Gespräch über Zukunftsstrategien, Datenintelligenz und die neue Rolle von Finanzinstituten in vernetzten Ökosystemen.
Warum KI, Embedded Finance und Open Data gerade jetzt so kraftvoll zusammenwirken
d.velop blog: Auf der Financial Services Stage des d.velop SUMMIT sprichst du über das Zusammenspiel von generativer KI, Agentic AI, Embedded Finance und der steigenden Offenheit von Finanzdaten. Warum wirken diese Entwicklungen gerade jetzt so stark zusammen und was macht sie strategisch so bedeutsam?
Prof. Dr. Silke Finken: Die drei Entwicklungen, generative KI und KI-Agenten, Embedded Finance und Open Data, beflügeln und verstärken sich gegenseitig: Generative KI und KI-Agenten ermöglichen eine extrem hohe Personalisierung, Kontextualisierung und Automatisierung an der Kundenschnittstelle. Im Rahmen von Embedded Finance verschiebt sich der Zugang zu Finanzdienstleistungen und damit genau diese Kundenschnittstelle immer stärker in die Customer Journeys von Unternehmen wie Händlern, Bigtechs und Lifestyle-Apps. Wenn jetzt noch eine zunehmende Öffnung von Finanzdaten hinzukommt, ermöglicht dies zudem ein besseres Verständnis der Bedürfnisse und der Situation des Kunden und damit auch eine bessere Beratung sowie wiederum maßgeschneiderte und personalisierte Angebote. Die drei Entwicklungen werden also zu einem „Flywheel“ und das strategische Potenzial ist enorm.
Was generative KI im Alltag von Banken und Versicherungen wirklich verändert
Effizienz ist nur der Einstieg. Was danach kommt, verändert die gesamte Art in Banken und Versicherungen zu arbeiten.
d.velop blog: Generative KI und Agentic AI entwickeln sich rasant weiter. Welche konkreten Veränderungen erwartest du dadurch im operativen Alltag von Banken und Versicherern, über klassische Effizienzgewinne hinaus?
Prof. Dr. Silke Finken: Neben klassischen Effizienzgewinnen in einer bestehenden Struktur bieten generative KI und KI-Agenten die Chance, Prozesse, Abläufe und ganze Bereiche völlig neu und transformativ zu denken und zu gestalten. Dies ist auch ein wesentliches Element des erfolgreichen langfristigen Einsatzes von KI. Die nahtlose Interaktion mit KI und speziell mit KI-Agenten verändert außerdem Rollenmodelle, Verantwortlichkeiten und die Art, wie wir Menschen mit KI zusammenarbeiten – bis hin zu einer Co-Intelligenz, in der wir Aufgaben zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz neu orchestrieren können und müssen. Gerade für Führungskräfte wird dies herausfordernd, denn sie müssen einerseits die Transformation managen und die Chancen der KI systematisch nutzen, andererseits aber auch die Mitarbeitenden auf diese Reise mitnehmen.
Auf der Kundenseite haben wir neben neuen Möglichkeiten der Kundeninteraktion mit Blick auf Produkte und Dienstleistungen noch zwei weitere Hebel: Zum einen können bestehende Produkte und Dienstleistungen mithilfe generativer und agentischer KI optimiert und angereichert werden. Da spielen natürlich wieder Personalisierung und Kontextualisierung eine Rolle, aber auch KI-basierte Zusatzservices und Weiterentwicklungen. Zum anderen können komplett neue KI-basierte Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle entwickelt werden. Dies verändert auch die Art und Weise, wie Banken und Versicherungen mit ihren Kunden interagieren und welchen Mehrwert sie für ihre Kunden generieren können.
Open Finance in der Praxis: Welche Anwendungen heute schon wirtschaftlich funktionieren
Weniger Theorie, mehr Realität. Hier schafft Open Finance laut Prof. Dr. Silke Finken bereits heute echte Mehrwerte.
d.velop blog: Open Finance und die zunehmende Verfügbarkeit von Finanzdaten eröffnen völlig neue Use Cases. Welche Anwendungen hältst du aktuell für besonders vielversprechend und wo siehst du bereits realistische wirtschaftliche Potenziale statt bloßer Zukunftsszenarien?
Prof. Dr. Silke Finken: Die naheliegendsten Use Cases drehen sich um Transparenz und die Optimierung eines Financial Homes für die Kunden. Gerade jüngere Kunden wünschen sich typischerweise mehr personalisierte Unterstützung und Empfehlungen in Finanzangelegenheiten. Das reicht von Budget- und Liquiditätsplanung über Spar- und Anlagemöglichkeiten bis hin zu den ersten Schritten in der Altersvorsorge. Für KMUs ist die Kombination aus Liquiditätsoptimierung und entsprechenden, maßgeschneiderten und vorausschauend angebotenen Finanzprodukten sehr interessant. In beiden Fällen können Banken zu echten Partnern in jeder Lebenslage werden.
Datenstrategie für Banken und Versicherungen: So wird aus Finanzdaten echter Wert
Daten besitzen ist die eine Sache. Diese Daten effizient im Arbeitsalltag sowie in der strategischen Ausrichtung von Finanzinstituten zu nutzen, eine ganz andere Sache.
d.velop blog: Finanzdaten gewinnen strategisch weiter an Bedeutung. Was müssen Institute aus deiner Sicht künftig tun, um den Wert ihrer Daten zu erkennen, zu schützen und gezielt für neue Geschäftsmodelle zu nutzen?
Prof. Dr. Silke Finken: Der erste Schritt ist häufig die Transparenz über die eigenen Daten und der Aufbau einer klaren Datenstrategie. Dazu gehört auch eine Priorisierung der Daten und der entsprechenden Use Cases auf Basis von Kundenbedürfnissen und Pain Points sowie der Optimierung der Kundenerlebnisse und Journeys. Ziel sollte es sein, auf Basis der vorhandenen Daten selbst attraktive Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, statt zu einem reinen Datenlieferanten zu werden. Allerdings können hochwertige Daten auch stand-alone einen signifikanten Wert darstellen – genau wie die hochwertigen Zutaten, die Sterneköche für die Zubereitung ihrer Menüs verwenden. In jedem Fall ist der Aufbau einer Datenintelligenz und einer klaren strategischen Positionierung wichtig, sowohl im bestehenden Geschäftsmodell als auch im Hinblick auf potenzielle neue Geschäftsmodelle. Und gerade im Kontext von KI werden umfangreiche und aussagekräftige Daten immer relevanter.
Wo Banken und Versicherungen bei KI und Open Finance den größten Denkfehler machen
Viele Finanzinstitute glauben, noch Zeit zu haben. Prof. Dr. Silke Finken erklärt, warum dieser Glaube eines der größten Risiken für die Branche ist.
d.velop blog: Wo siehst du aktuell die größten Fehleinschätzungen in der Branche, wenn es um KI, Open Finance und Embedded Finance geht, und welche Risiken entstehen, wenn Institute diesen Trends zu unkritisch oder zu zögerlich begegnen?
Prof. Dr. Silke Finken: Die Entwicklungsgeschwindigkeit im Bereich der KI ist extrem hoch und nimmt kontinuierlich zu. Und in Kombination mit Embedded und Open Finance werden sich der Zugang zu und der Umgang mit Finanzdienstleistungen immer stärker verändern. Schon jetzt nutzen fast 20 Prozent der Deutschen zwischen 25 und 45 Jahren Chatbots und Sprachmodelle, um sich über Geld- und Anlagethemen zu informieren. Dazu kommt perspektivisch Agentic Commerce, d.h. das Einkaufen über KI-Agenten, über das sowohl im B2C als auch im B2B ein signifikanter Anteil des Handels laufen kann – verschiedene Studien gehen hier von 15 bis 30 Prozent aus. Eine derartige Entwicklung hat nicht nur signifikante Auswirkungen auf Marken, Händler und Plattformen sowie auf den Zahlungsverkehr, sondern wirkt sich potenziell auch auf das Verhalten von Nutzern und Einkäufern aus, mit entsprechenden Konsequenzen für Konsumentenfinanzierungen, Versicherungsabschlüsse im Rahmen des Kaufprozesses sowie die Supply Chains und das Treasury von Firmenkunden.
Eine große Gefahr besteht darin, dass Institute angesichts des anfänglichen Scheiterns einer Reihe von KI-Piloten oder strategischen Pivots wie dem Einstellen des Instant Checkout in ChatGPT durch OpenAI im März den Eindruck bekommen, dass der Handlungsdruck doch nicht so groß sei. Doch iteratives Vorgehen, das Testen von Ansätzen und Geschäftsmodellen sowie entsprechende strategische Pivots gehören gerade im Umgang mit neuen Technologien zur Entwicklung dazu. Deshalb ist es wichtig, dass Banken und Versicherungen angesichts dieser Veränderungen und Herausforderungen klare strategische Positionierungen entwickeln und ihre eigenen Geschäftsmodelle konsequent weiterentwickeln.
Embedded Finance: Wie Banken und Versicherungen ihre Relevanz in fremden Ökosystemen behaupten
Wer im Embedded-Finance-Zeitalter nicht aktiv die eigene Rolle definiert, riskiert, in der Customer Journey anderer unsichtbar zu werden.
d.velop blog: Embedded Finance verschiebt Finanzdienstleistungen in neue Ökosysteme und Kundentouchpoints. Wie verändert sich dadurch die Rolle klassischer Banken und Versicherer?
Prof. Dr. Silke Finken: Für Finanzdienstleister ist die Integration von Finanzdienstleistungen in die Customer Journeys anderer Unternehmen grundsätzlich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verschiebt sich der Vertrieb, die Nutzung sowie der Zugang zu Finanzdienstleistungen aus der proprietären Sphäre der Banken und Versicherungen in die Angebote, Plattformen und Umgebungen von Händlern, Plattformen, Lifestyle-Apps oder Softwareanbietern. Andererseits bietet diese Integration ihnen die Möglichkeit, ihre Produkte genau an dem Punkt in der Customer Journey zu platzieren, an dem der Bedarf für dieses Finanzprodukt beim Nutzer gerade entsteht, und ihre Angebote gemäß den Präferenzen und der Situation des Nutzers zu personalisieren und zu kontextualisieren.
Die Bandbreite der möglichen strategischen Positionierungen ist groß: Banken und Versicherungen, die sich proaktiv positionieren, werden weiterhin visibel und relevant an der Kundenschnittstelle bleiben und können gemeinsam mit anderen Unternehmen interessante Kundenerlebnisse schaffen, bis hin zu Beyond Banking. Passive und reaktive Strategien könnten allerdings dazu führen, dass Banken und Versicherungen auf die Rolle des Produkt- oder Liquiditätslieferanten reduziert werden. Wichtig ist es daher, sich strategisch klug zu positionieren, die Bedürfnisse der Kunden zielgerichtet zu adressieren und Mehrwert für alle Beteiligten zu schaffen.
KI-Strategie und Innovationskultur: Die zwei Prioritäten, die jetzt zählen
Keine lange To-Do-Liste. Prof. Dr. Silke Finken empfiehlt, die Prioritäten auf das Wesentliche zu reduzieren.
d.velop blog: Wenn du Vorständen oder Innovationsverantwortlichen in Banken und Versicherungen heute nur drei Prioritäten für die nächsten 12 bis 24 Monate mitgeben dürftest: Welche wären das?
Prof. Dr. Silke Finken: Für mich gibt es zwei Hauptthemen – alles andere folgt daraus:
- Erstens die Entwicklung einer klaren KI-Strategie und einer entsprechenden Heatmap, um wertvolle Ressourcen auf die vielversprechendsten Bereiche zu konzentrieren. Dazu gehört auch das Zusammenspiel zwischen KI, Embedded Finance und Open Data.
- Zweitens die systematische Förderung einer Innovationskultur, um mit den Herausforderungen der einerseits extrem dynamischen Entwicklungsgeschwindigkeit und andererseits hohen Volatilität und Unsicherheit, die mit neuen Technologien einhergehen, umzugehen.
Das erwartet dich bei der Keynote von Prof. Dr. Silke Finken auf dem d.velop SUMMIT
Wer im Juni auf dem d.velop SUMMIT 2026 dabei ist, bekommt keine Folien-Show. Sondern Antworten, die Banken und Versicherungen wirklich weiterhelfen.
d.velop blog: Worauf dürfen sich die Teilnehmenden des d.velop SUMMIT im Juni im Rahmen deiner Keynote ganz besonders freuen?
Prof. Dr. Silke Finken: In meiner Keynote geht es darum, wie Banken und Versicherungen das Zusammenspiel aus KI, Embedded Finance und Open Data für sich nutzen können, um sichtbar, relevant und innovationsfähig zu bleiben. Außerdem gebe ich konkrete Impulse zu den wichtigsten strategischen Fragestellungen und dem nötigen „Innovation Mindset“, das wir zum erfolgreichen Umgang mit diesen Entwicklungen brauchen.
