Dr. Eckart von Hirschhausen im Interview

Veröffentlicht 21.04.2026

Dr. Eckart von Hirschhausen Arzt, Wissenschaftsjournalist und Stiftungsgründer Stiftung Gesunde Erde Gesunde Menschen gGmbH

Beitragsbild Blogartikel Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen

Was macht Organisationen gesund? Wie viel Komplexität verträgt ein System – und wann kippt sie zur Belastung? Und kann Digitalisierung tatsächlich ein Gesundheitsfaktor sein?

Wir haben mit Arzt, Wissenschaftsjournalist, Kabarettist und Gründer der Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“, Dr. Eckart von Hirschhausen, darüber gesprochen, was Unternehmen aus der Medizin lernen können, warum Humor ein unterschätztes Führungsinstrument ist – und welche Therapie er „Patient Deutschland“ verschreiben würde.

Organisationen sind wie Menschen: Erst wenn’s weh tut, wird gehandelt 

d.velop blog: In vielen Organisationen erleben Menschen chronischen Stress durch Bürokratie und unnötige Komplexität. Würdest du sagen: Überflüssige Komplexität ist eine Gesundheitsgefahr? Und was müsste sich strukturell ändern? Kann ein Dokumentenmanagement-System dabei helfen?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Bürokratie kann Leben retten! Warum haben wir nicht annähernd die Opiatkrise wie in den USA? Weil wir das Betäubungsmittelgesetz haben. Mit „Bürokratieabbau“ hat Musk die Zerschlagung von Institutionen gerechtfertigt, genauso wie die EU gerade ihren Rollback schönredet, wenn sie sinnvolle Spielregeln für alle, die mühselig über Jahrzehnte erdacht wurden, zurückdreht oder aussetzt – wie den Schutz der Natur, Lieferketten oder das wirksamste Instrument gegen die Klimakrise, den Emissionshandel. Das vorneweg. Aber ja, ein Dokumentenmanagement-System kann enorm helfen, wenn es um die Beschleunigung und Automatisierung wirklich sinnvoller Verwaltungsprozesse geht. Und wenn es tatsächlich nicht mehr Aufwand schafft. 

d.velop blog: In der Notaufnahme müssen Ärztinnen und Ärzte täglich unter Unsicherheit entscheiden. Was können Mitarbeitende und Führungskräfte im digitalen Wandel vor dem Hintergrund fragiler geopolitischer Lage, Souveränitätsdebatten und rasantem technologischem Wachstum aus diesem professionellen Umgang mit Unsicherheit lernen?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Einfach weiteratmen!

Woran gesunde Organisationen zu erkennen sind

d.velop blog: Wenn du nicht Arzt, sondern CEO oder Geschäftsführer eines Unternehmens wärst: Woran würdest du erkennen, dass deine Organisation „gesund“ ist – und woran, dass sie krank ist?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Der Krankenstand ist natürlich ein Indiz. Und es gibt Untersuchungen, dass schlechte Führungskräfte, wenn sie in eine neue Abteilung kommen, ihren Krankenstand der Mitarbeiter „mitnehmen“. Wie viele wollen aus dem Homeoffice gar nicht mehr zurück und sich mit anderen in echt sehen und sprechen? Auch das ist ein Signal, bei dem die Alarmglocken klingeln sollten. Noch spannender ist die Veränderung im Umgang miteinander. Dazu kann man sich die Toiletten anschauen, wie oft da eine blanke Klopapierrolle hängt. Wenn der Minimalkonsens nicht mehr heißt: „Wenn ich das letzte Blatt nehme, hänge ich eine neue Rolle hin“, ist das in meinen Augen schon passiv-aggressiv. Es ist mir scheißegal, wie es dem Nächsten geht. Sollten wir nicht den Nächsten – wenn schon nicht lieben, dann doch – in seinen Bedürfnissen respektieren? 

Warum Humor in Veränderungsprozessen mehr ist als ein nettes Extra

d.velop blog: Du arbeitest mit Humor und sogar mit Magie als Werkzeug. Wie kann Humor in Organisationen helfen, Veränderungsprozesse zu erleichtern – ohne ins Alberne oder Beliebige abzurutschen?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Humor ist erstmal ein Indikator für seelische Gesundheit. Und bis heute ein Rätsel. Jeder meint von sich, er hätte Humor. Wir alle kennen aber auch mindestens eine Person, die so gar keinen hat. Das geht ja nicht auf. Wenn man den Humor verlieren kann, kann man auch dabei helfen, ihn wiederzufinden. Das Stichwort in der Psychologie heißt: Ambiguitätstoleranz; will sagen: Halte ich aus, dass Dinge uneindeutig sind? Unser Verstand will Schubladen, richtig oder falsch. Und im Herzen, Hinterkopf und beim Lachen wissen wir – nee, so einfach ist die Welt nicht. Ein guter Start ist daher immer, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und bei Veränderungsprozessen die Fehler zu feiern. Und auch wenn es mal weh tut und auch Geld kostet, sich die Frage zu stellen: Was kostet es uns oder mich, so weiterzumachen wie bisher?

Patient Deutschland? Was jetzt wirklich hilft

d.velop blog: Wenn Deutschland ein Patient wäre: Welche Diagnose würdest du stellen? Und wie sähe die passende Therapie aus?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Deutschland ist kein Patient. Deutschland kann nichts fühlen. Jeder Mensch hier schon. Und da ist viel Abstiegsangst dabei. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir ehrlicher miteinander darüber sprechen, dass nichts mehr so wird wie früher. Unser Wohlstand beruhte nicht allein auf unserer Tüchtigkeit, sondern auch auf billigem fossilen Brennstoff aus Russland, auf dem günstigen Schutz der USA und auf Exporten von Autos, Maschinen und Solarpanels, die kein anderer so schön bauen konnte wie wir. Das ist vorbei. Und kommt auch nicht zurück. Ich wünsche mir, dass wir uns besinnen auf das, was wir sind: ein unfassbar privilegiertes Land. In einem unfassbar erfolgreichen Friedensprojekt namens Europa. 

Warum Gesundheit ohne intakte Umwelt nicht denkbar ist

d.velop blog: Warum hast du die Stiftung „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ gegründet? Was war der Auslöser für diesen Schritt?

Jane Goodall fragte mich in einem Interview: Wenn wir Menschen ständig betonen, die intelligenteste Art auf diesem Planeten zu sein, warum zerstören wir dann unser eigenes Zuhause? Das war für mich der Moment, wo ich entschieden habe, dem Schutz unserer Lebensgrundlagen in meinem Leben Priorität zu geben. Denn Gesundheit beginnt nicht mit einer Tablette, Operation oder einem MRT-Bild in einer digitalen Patientenakte. Gesundheit beginnt mit der Luft, die wir atmen, Wasser zum Trinken, leckeren Pflanzen zum Essen, erträglichen Temperaturen und einem friedlichen Miteinander. Und das wird immer so sein, daran wird keine KI, keine Drohne, keine Innovation etwas ändern. Was kostet ein Glas Honig, wenn die Biene Mindestlohn bekommt? 300.000 Euro. Wir haben alle überhaupt keine Vorstellung von dem Wert, den wir gerade mit jeder Art, die ausstirbt, verlieren. Das ist „Innovationsoffenheit“ von Millionen Jahren, das Netzwerk, was uns trägt. 

d.velop blog: Wie misst du den Erfolg deiner Stiftung konkret? Woran erkennst du, dass „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ mehr ist als ein guter Gedanke? 

Dass ich zu so wichtigen Konferenzen wie dem d.velop SUMMIT eingeladen werde! Und dass die 20 Mitarbeiter eine sehr gute Arbeit und vor allem konstruktive Kommunikation machen. Unsere Kampagne „Echte Leistungsträger“ zum Wert des Artenreichtums hat Millionen Menschen erreicht. Unser Medienservice zu Klima und Gesundheit steht gemeinnützig allen zur Verfügung, unsere Workshops „Gesunde Erde – gesunder Job“ sind gefragt. Und Unternehmen wie die Barmer richtet mit uns den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Sparte Gesundheit aus. Mehr auf unserer Homepage.

Digitalisierung zwischen Magie, Risiko und echter Begegnung

d.velop blog: Du bist Ehrenmitglied im Magischen Zirkel von Deutschland. Welche technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten zwei Jahre sind für dich die „magischsten“ – im positiven wie im kritischen Sinne?

Ich staune jedes Mal, wenn Airdrop funktioniert! Es ist pure Magie, wenn eine digitale Visitenkarte unsichtbar durch die Luft fliegt, oder Fotos in hoher Auflösung. Ich will gar nicht wissen, wie es geht. Nur mal verstehen, warum es immer wieder auch nicht geht… 

Aktuell beschäftigen mich sehr die Deepfakes, die mit meinem Gesicht und meiner Stimme Lügen verbreiten. Mich gibt es genau einmal. Im Netz kursieren über 2.000 Versionen, die angebliche Wundermittel verkaufen, von Abnehmpulver über Herzmedikamente bis zu Potenzmitteln. Und obwohl ich dagegen juristisch vorgehe, wird es nicht weniger, sondern mehr. Wir rutschen in eine Welt, in der wir zwischen wahr und gelogen nicht mehr unterscheiden können. Das zerstört das Vertrauen untereinander, die Demokratie und alles, was ein gutes Leben ausmacht. Positiv formuliert: Je digitaler die Welt, desto mehr steigt die Sehnsucht nach echter Begegnung, echter Natur und echten Menschen.

d.velop blog: Worauf dürfen sich die Teilnehmenden des d.velop SUMMIT im Juni im Rahmen deiner Keynote ganz besonders freuen? 

Auf mich! In echt. 😊