IT-Trends 2026: Von der Vision zur Verantwortung – warum Agentic AI und digitale Souveränität jetzt konvergieren

Veröffentlicht 14.01.2026

Nico Bäumer Chief Technology Officer (CTO) d.velop AG

Beitragsbild Blogartikel IT Trends 2026

Wenn wir im Jahr 2026 auf die vergangenen 24 Monate zurückblicken, entsteht der Eindruck, wir hätten ein Jahrzehnt technologischer Evolution im Zeitraffer durchlaufen. Doch der wahre Wandel dieses Jahres liegt nicht mehr in der atemberaubenden Geschwindigkeit neuer Modelle, sondern in der Reife, mit der wir sie anwenden.

Die Phase der reinen Faszination liegt hinter uns. Unternehmen haben die harte Lektion gelernt, dass Künstliche Intelligenz allein noch keine digitale Transformation bewirkt. Automatisierung bleibt der Motor, KI ist der Turbolader – doch ein leistungsstarker Antrieb nützt wenig, wenn das Fahrgestell nicht trägt. Der Mehrwert entsteht dort, wo Technologie Prozesse vereinfacht, Entscheidungen vorbereitet und Menschen entlastet, ohne ihnen Verantwortung zu entziehen.

2026 markiert deshalb keinen neuen Hype, sondern einen fundamentalen Übergang: weg von der Frage „Was ist theoretisch möglich?“ hin zu „Was ist operativ tragfähig?“. Als CTO eines Unternehmens, das seit Jahrzehnten Prozesse digitalisiert, sehe ich drei Entwicklungen, die dieses Jahr prägen werden. Jede für sich ist relevant, doch erst ihre Konvergenz schafft echte Wertschöpfung. Entdecke die IT-Trends 2026:

IT-Trend Nr. 1: Agentic AI

Automatisierung neu gedacht: Vom Workflow zum Agenten

Lange Zeit war Automatisierung gleichbedeutend mit Starrheit: Wir bauten digitale Fließbänder mit klaren Wenn-Dann-Regeln. Diese Modelle sind exzellent für Standardprozesse, scheitern aber an der Realität komplexer Büroarbeit, die voller Ausnahmen und Kontextabhängigkeiten steckt.
Hier erleben wir 2026 den Durchbruch der Agentic AI.

„Agentic“ bedeutet nicht einfach „klüger“. Es bedeutet einen Paradigmenwechsel in der Softwarearchitektur. Während klassische Workflows auf einen Auslöser warten, verfolgen KI-Agenten Ziele. Sie erkennen Zusammenhänge, bewerten die Situation im Kontext der vorliegenden Dokumente und stoßen eigenständig die nächsten Schritte an – nachvollziehbar, regelkonform und kontrolliert.

Stelle dir den Unterschied so vor: Ein Workflow leitet eine Rechnung zur Freigabe weiter. Ein Agent prüft die Rechnung gegen den Lieferschein, bemerkt eine Abweichung, verfasst eine Rückfrage an den Lieferanten im Tonfall des Unternehmens und legt der Sachbearbeitung nur noch die entscheidungswichtige Differenz vor.

Der Fortschritt liegt hier in der echten Entlastung. Agenten übernehmen Routineentscheidungen, koordinieren Abläufe und bereiten Handlungen vor. Der Mensch bleibt in der Verantwortung, arbeitet jedoch mit Systemen, die mitdenken.

Forrester nennt dies „Agentic Readiness“. Wir sehen 2026, dass Unternehmen nicht mehr daran gemessen werden, ob sie KI nutzen, sondern daran, wie gut sie in der Lage sind, diese autonomen Systeme in ihre Governance-Strukturen einzubetten. Wir sehen 2026, dass Unternehmen nicht mehr daran gemessen werden, ob sie KI nutzen, sondern wie gut sie in der Lage sind, diese autonomen Systeme in ihre Governance-Strukturen einzubetten – mit klar definierten Entscheidungsspielräumen, transparenter Nachvollziehbarkeit und geregelten Eingriffsmöglichkeiten des Menschen.

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IT-Trend Nr. 2: Vertical AI und Domain Specificity

Generative KI: Jenseits des Hypes beginnt die Industrialisierung

Ist Generative KI eine Blase? Wer 2026 diese Frage stellt, hat die Entwicklung verschlafen. Wir befinden uns – um im Gartner-Jargon zu bleiben – jenseits des „Tals der Enttäuschungen“ auf dem „Pfad der Erleuchtung“

Die Experimentierphase 2024/2025 war notwendig, aber oft ernüchternd. Viele Pilotprojekte scheiterten. Nicht an der Technologie, sondern an fehlendem Kontext, unklaren Verantwortlichkeiten oder einer unzureichenden Datenbasis. Ein Sprachmodell, das das gesamte Internet kennt, aber spezifische AGB oder Projektakten deines Unternehmens nicht versteht, ist im Business-Kontext ein brillanter Rhetoriker ohne Fachwissen.

Der Trend 2026 heißt daher Vertical AI und Domain Specificity.

Wir bewegen uns weg von generischen „Alles-Könnern“ hin zu spezialisierten Modellen, die tief in der Fachdomäne trainiert sind. Hier kommt der Faktor Data Gravity ins Spiel: Geschäftsrelevanz entsteht dort, wo die KI auf strukturierte, kontextualisierte Daten trifft. Wer seine Informationen sauber im DMS verwaltet, besitzt das Fundament, auf dem Vertical AI überhaupt erst arbeiten kann.

Werkzeuge zur Orchestrierung komplexer Automatisierungs- und KI-Workflows – sei es das flexible n8n oder spezialisierte Umgebungen wie unser d.velop process studio – werden zur Schaltzentrale. Sie verbinden die rohe Intelligenz der Modelle mit der Logik der Geschäftsprozesse. KI wird so vom exotischen Experiment zum verlässlichen Bestandteil des operativen Alltags.

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IT-Trend Nr. 3: Digitale Souveränität

Das Souveränitäts-Paradoxon: Offenheit durch Kontrolle

All diese Fortschritte – autonome Agenten, tiefes Prozessverständnis – erfordern ein Gut, das 2026 wertvoller ist als Rechenleistung: Vertrauen.

Digitale Souveränität ist kein politisches Schlagwort mehr, sondern eine harte architektonische Anforderung. Je mehr Entscheidungen wir an Agenten delegieren, desto zwingender müssen wir wissen, wo die Daten liegen, wer Zugriff hat und wie die Entscheidungslogik aussieht.

Wir beobachten eine interessante Marktbewegung. Die großen US-Hyperscaler bauen massive „Sovereign Cloud“-Angebote für Europa auf. Das ist ein Eingeständnis, dass der europäische Markt nach anderen Regeln spielt. Doch echte Souveränität bedeutet mehr als nur ein Rechenzentrum in Frankfurt. Es bedeutet die Vermeidung von Vendor Lock-in (dt. Anbieterbindung) auf der Modellebene.

Deshalb gewinnen Open-Source-Modelle und offene Architekturen strategisch an Bedeutung. Sie erlauben uns, Innovationen globaler Plattformen zu nutzen, ohne die Hoheit über unsere digitale Identität abzugeben. Gerade für Agentic-AI-Szenarien, bei denen mehrere Systeme autonom interagieren, ist diese Offenheit entscheidend. Europäische Initiativen wie Mistral AI und STACK IT zeigen, wie sich souveräne, offene Ökosysteme aufbauen lassen – auch wenn ihre Investitionen im globalen Vergleich noch begrenzt sind und sie weiterhin auf internationale Lieferketten angewiesen bleiben.

Für 2026 gilt: Souveränität durch Architektur.

Der eigentliche Trend liegt deshalb weniger in einzelnen Technologien als in der Architekturentscheidung: KI, Agentic AI und Automatisierung entfalten ihren Nutzen nur dort, wo Organisationen bereit sind, Souveränität aktiv mitzudenken – bei der Wahl von Plattformen, beim Einsatz von Open Source und beim bewussten Umgang mit globalen Abhängigkeiten. Digitale Souveränität wird damit zum verbindenden Element moderner IT-Strategien und zum entscheidenden Faktor für nachhaltige, KI-getriebene Transformation. Entsprechend müssen wir Systeme bauen, die modular genug sind, um das KI-Modell auszutauschen, ohne den Geschäftsprozess zu gefährden.

Fazit: Kontinuität als Stärke im Wandel

Für uns bei d.velop sind diese Trends – Agentic AI, Vertical AI, Souveränität – kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern die logische Evolution dessen, was wir seit fast 35 Jahren tun.

Wir haben uns immer an der Schnittstelle von Fachlichkeit, Prozess und Regulatorik bewegt. Ob in der Privatwirtschaft oder im Public Sector, im Gesundheitswesen oder im Finanzbereich: Die Herausforderung war nie nur das Speichern von Dokumenten, sondern das Verstehen von Inhalten.

Ein entscheidender Bestandteil dieser Stabilität ist für uns das Thema digitale Souveränität. Unsere technologische Ausrichtung auf Open-Source-basierte Infrastrukturen und die Tatsache, dass die wesentlichen Produkte und das geistige Eigentum in unseren eigenen Händen liegen, geben uns und unseren Kunden Gestaltungsfreiheit. Sie reduzieren Abhängigkeiten, erhöhen Transparenz und ermöglichen es, neue Technologien wie KI und Agentic AI kontrolliert und verantwortungsvoll einzusetzen.

Der eigentliche Schatz liegt dabei nicht in der Technologie allein, sondern in der langjährigen Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Wir haben Fachlichkeit, Prozesse und regulatorische Realität immer gemeinsam gedacht. Jetzt geht es darum, diese Erfahrung mit neuen technologischen Möglichkeiten zu verbinden.

2026 wird das Jahr, in dem wir aufhören, über die Technologie als Selbstzweck zu staunen, und anfangen, sie als Werkzeug für menschenzentrierte Arbeit zu nutzen. Die Werkzeuge sind da. Die Daten sind da. Jetzt geht es darum, sie souverän einzusetzen.