Katharina Wohlrab: Warum es so wichtig ist, Mädchen für Technologie zu begeistern!

Veröffentlicht 31.05.2022
Geschätzte Lesezeit 9 Min.
Katharina Wohlrab

Katharina Wohlrab Geschäftsführerin | Mental Health Aktivistin | Autorin | Speakerin Tech4Girls

Wie sieht eine Person aus, die programmiert? Eine Person, die Mathematik unterrichtet? Oder eine Person, die Chemie studiert? Ich wette, die meisten von euch haben automatisch an Männer gedacht. Warum? So wirken Gender-Stereotypen. Eigenschaften, Jobs, sogar Farben, die stereotyp einem Gender (soziales, gelerntes Geschlecht) zugeordnet werden.

Anteil Frauen in der IT-Branche

Solche Gender-Stereotypen führen dazu, dass der Anteil Frauen in der IT-Branche derzeit noch bei lediglich 16,6 % in Deutschland liegt.1

MINT Frauenanteil Beschäftigte IT

Diesen Umstand gilt es dringend zu verändern! Denn viele Jobs der Zukunft liegen in der IT-Branche, und viele dieser Jobs sind auch sehr gut bezahlt. Diese Chancen sollten wir niemanden nehmen. Zudem spitzt sich der Fachkräftemangel in der IT bereits seit Jahren zu. Dieser lässt sich zukünftig vor allem dann schließen, wenn alle Geschlechter Interesse an technischen Berufen entwickeln.

Mädchen verlieren schon früh das Interesse an MINT

Was bedeutet MINT?

MINT setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zusammen. Reiht man diese aneinander, ergibt sich das Wort „MINT“. Im Englischen wird der Begriff mit STEM abgekürzt. Das steht für ‚Science‘, ‚Technology‘, ‚Engineering‘ und ‚Math‘.

Das Interesse von Mädchen an MINT nimmt rapide ab – und zwar schon ab dem Alter von 12 Jahren.2

MINT Alter Interessensverlust

3 Gründe, warum das Interesse von Mädchen an MINT früh sinkt

Aber warum sinkt das Interesse bereits so frühzeitig? Schauen wir uns die Gründe einmal näher an.

#1 Stereotypische Vorurteile und die Bildung von Genderstereotypen in der Grundschule

Als ich zur Geschäftsführung berufen wurde, hatte ich einen Termin beim Notar. Als der Notar den Raum betrat, schaute er auf meine Handtasche, sah mich an und sagte „Ach, ich dachte, Sie hätten ein Schaf mitgebracht.“ Ich wusste in der Sekunde überhaupt nicht, mit dieser abschätzenden Situation umzugehen, habe unterschrieben und bin gegangen. Auf dem Weg nach Hause fragte ich mich aber: Hätte er das einen Mann gefragt?

Wie entstehen also diese Stereotypen?

Wir machen ein kleines Gedankenexperiment. Wir stellen uns mal ein Kind namens Lola vor, Lola ist 7 und wird eingeschult. Lola schaut zu Hause gerne Paw Patrol und lernt da, dass Skye, die einzige Hündin, nie bei Abenteuern mitkommen darf, weil sie als Mädchen sowieso nichts kann. Oder Feuerwehrmann Sam, der, wie der Name schon sagt, ein Mann ist. In dieser Serie gibt es zwar FLINTA* (Frauen, Lesben, intersexuelle Menschen, nichtbinäre Menschen, trans Menschen und agender Menschen), sie haben aber keine aussagekräftige Rolle. Jetzt bekommen die Kinder an ihrer Grundschule das Angebot einer EDV AG und die ausführende Lehrkraft sagt zu den Mädchen: „Das interessiert euch ja sowieso nicht.“ Lola hört gerne Märchen Hörspiele und scheint auch hier langsam zu begreifen, dass die Rolle einer Frau nicht unbedingt die der Heldin ist.

Exkurs: Der geringe Anteil an FLINTA* in technisch-wissenschaftlichen Berufen, ist allerdings kein weltweites Phänomen. Alle polnischen, rumänischen und ungarischen Regionen meldeten bereits 2005 bei den technisch-wissenschaftlichen Jobs einen Frauenanteil von über 55 %. Aber auch regional sind die Unterschiede groß. Berlin scheint mit 21,7 % Frauenanteil ein Ausnahmebundesland zu sein. Während Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit rund 13 % Frauenanteil hinterherhängen.

#2 Mangelnde Aufklärung der Eltern

Eine Aufklärung der Kinder durch die Eltern findet aufgrund von Unwissenheit ebenfalls nur selten statt. Und zwar nicht mit Absicht, sondern aus Versehen. Eltern wissen oft nicht über diese Stereotypen Bescheid, sie sind selbst so aufgewachsen, sie denken nicht darüber nach. Kindern fehlt also genau in der Phase, in der Rollenbilder gegründet werden, die Aufklärung durch die Eltern. Und darüber hinaus fehlt es vielen Eltern nach wie vor an Aufklärung über die Bildung von Gender-Stereotypen. Ein Teufelskreis.

#3 Wenig weibliche Vorbilder in der Tech-Welt und MINT Berufen

Wie wir am Anfang schon gesehen haben, sind die Stereotypen so verfestigt, dass die MINT-Thematiken mit Männern assoziiert werden und der Anteil von Frauen in der IT bei mageren 16,6 % liegt.1 Auch im Bereich der Neugründungen von Start-ups überraschen die Zahlen nicht: An der Gründung von innovativen Start-ups mit vorwiegend digitalen Geschäftsmodellen in Deutschland sind nur 15,7 Prozent Frauen in Gründungsteams beteiligt.3

Eine Frau in der IT-Branche zu sein, ist nicht immer einfach, da spreche ich aus Erfahrung. Und die einzige Frau in der Vorstandsetage zu sein, kann manchmal einen enormen Druck auf einen ausüben. Vorbilder haben in unseren Leben einen riesigen Effekt. Denn solange wir keine Menschen in Führungspositionen sehen, die so aussehen und klingen wie wir, ist es schwer zu glauben, dass wir eines Tages an ihrer Stelle sind.

MINT Ursachen geringes Interesse von Mädchen

Starre Arbeitsmodelle senken die Frauenquote in Tech-Jobs

Wir haben 2022 und auch heute haben Frauen in der Summe noch schlechtere Aufstiegschancen und Berufsaussichten in Tech-Jobs als Männer. Bei all den kleinen Prozentzahlen von Frauen in Tech-Berufen, sollten man doch meinen, dass die wenigen Frauen mit Kusshand genommen werden, oder? Dies ist leider bei den meisten Unternehmen noch nicht der Fall. Auf Frauen warten häufig befristete Verträge, eine 40-Stunden-Woche und keine Möglichkeit zu Teilzeit-Arbeitsmodellen. Da nach wie vor eher die Mutter beim Kind zu Hause bleibt und Teilzeit wieder in den Beruf einsteigt, sind Teilzeitmodelle also unentbehrlich. Außerdem geht der Trend sowieso in Richtung einer kürzeren Woche.4 Bereits 2019 ergab eine Umfrage des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit in Kooperation mit Xing, dass junge Arbeitnehmer:innen lieber weniger arbeiten und damit auch weniger verdienen würden, als 40 Stunden am Arbeitsplatz zu sein. Außerdem haben sich diese befragten Personen klar zu einer orts- und zeitabhängigen Alternative ausgesprochen.5

Maßnahmen der d.velop AG

3 Dinge, die die Gesellschaft tun kann, um Mädchen frühzeitig für Technologie & MINT zu begeistern!

#1 Aufklärung der Eltern

Wie bereits erwähnt, fehlt Kindern in der Phase, in der Rollenbilder gegründet werden, Unterstützung der Eltern. Und zwar nicht mit Absicht, sondern aus Versehen. Eltern wissen nicht über diese Stereotypen Bescheid, sie sind selbst so aufgewachsen, es stört sie nicht. Viele denken „Mir gefällt aber rosa und ich mag, wenn mein Mädchen sich stereotyp wie ein Mädchen verhält.“ Jedoch schränken sie damit die Zukunft ihres Kindes enorm ein. Dann kann das Kind nämlich nicht „alles werden“ und „alles sein“ – sondern eben nur das, was es als passend zu seinem Gender kennenlernt. Nicht umsonst treten Kinder oft in die Fußstapfen der Eltern, das Gewohnte nimmt Raum für Neues.

#2 Angebote wie Tech4Girls schaffen und wahrnehmen

Ich bin Geschäftsführerin der NGO Tech4Girls, die aktiv etwas gegen den Gender Gap tut, indem sie Grundschülerinnen in Informatik unterrichtet.

Katharina Wohlrab & Tech4Girls

Katharina Wohlrab ist studierte Soziologin, Medieninformatikerin, Ehefrau, Hundemama, Sinnfluencerin, Autorin, Feministin, Veganerin und Geschäftsführerin von Tech4Girls. Die Vision der NGO Tech4Girls ist es, den Gender Gap in der Informatik zu schließen. Das möchte Tech4Girls erreichen, indem sie Mädchen für Technologie begeistern und sie mit Programmier-Fähigkeiten ausstatten, um sie bestmöglich auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten.

Was passiert, wenn man Grundschülerinnen in Informatik unterrichtet?

Am Anfang des Halbjahres fragen wir die Mädchen zwischen 8 und 13-Jahren, was sie mal werden wollen, es kommen Antworten wie „Friseurin“, „Schauspielerin“ oder „Tierärztin“ – und wenn sie das nach ihrer Schulzeit mal werden – wunderbar. Aber können sie diese Entscheidung überhaupt treffen, ohne zu wissen, was Expertin für künstliche Intelligenz, Cybersecurity Analystin oder Webdesignerin überhaupt machen? Die Mädchen lernen bei uns die Programmiersprachen HTML, CSS und JavaScript und haben damit eine faire Chance in der Berufswahl.

Nach dem Halbjahr fragen wir sie nochmals „Was wollt ihr werden?“ und dann kommen Antworten wie Webdesignerin, Expertin für Big Data und App-Entwicklerin. Ob sie am Ende der Schullaufbahn dann tatsächlich Informatik studieren ist dahingestellt, aber auch eine Friseurin oder Tierärztin braucht eine eigene Website.

Im Moment wird Tech4Girls an 29 Grundschulen angeboten und wir haben bereits 700 Mädchen das Programmieren näher gebracht. 700 Mädchen, die eine faire Chance in der Studien- und Berufswahl haben. 700 Mädchen, die lernen, dass eine Person, die im Tech-Bereich arbeitet, genauso eine FLINTA* wie auch ein Mann sein kann.

#3 Frauen in technischen Studiengängen und Führungspositionen

Wenn man Frauen in Führungspositionen bringt, zeigt man, dass auch andere eine Chance haben, erfolgreich zu sein. Genauso ist es auch in technischen Studiengängen. Als ich Medieninformatik studiert habe, saß ich als eine von 10 Frauen in einem Studiengang mit 200 Studierenden, bei Gruppenarbeiten wurden wir zugeordnet, genauso wie in der Schule im Sportunterricht und es war furchtbar. In diesen Gruppen wurde mir dann ziemlich gerade herausgesagt, dass ich gerne das Protokoll schreiben, oder mit meinem Aussehen auch präsentieren. Aber Coden? Das ist was für Männer.

Wieso also ist es immer noch eine Ausnahme, in einem Unternehmen in einen Raum voller Programmierer:innen zu kommen? Die Gender-Vielfalt ist keine Priorität. Um einem Unternehmen zu helfen, sein volles Potenzial auszuschöpfen, müssen wir die Gender-Vielfalt zu einer geschäftlichen Priorität machen. Persönliche Entscheidungen werden nie in einem Vakuum getroffen. Dass eine Entscheidung hin zur Gender-Vielfalt nicht nur einen emotionalen, politischen, sondern auch geschäftlichen Vorteil bringt, zeigt folgende Studien:

BCG & TU München: Vorteile von Frauen in Führungspositionen
Die Boston Consulting Group (BCG) und die TU München führten eine Studie durch, um den Zusammenhang der Anzahl der Frauen im Management und dem Erfolg eines Unternehmens zu verstehen. Die Ergebnisse zeigen, dass eine Erhöhung der Anzahl von Frauen in Führungsteams zu mehr und besserer Innovation und verbesserter finanzieller Leistung führt. Zudem konnte festgestellt werden, dass die Unternehmen mit der größten Gendervielfalt (in denen 8 von 20 Manager:innen weiblich waren) im letzten Dreijahreszeitraum etwa 34 % ihres Umsatzes mit innovativen Produkten und Dienstleistungen erzielten.X Ein deutlicher Innovationsschub durch Frauen ist aber erst ab einem Frauenanteil von 15 bis 20 Prozent im Management sichtbar. Das ergab eine Erhebung, für die 171 Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz aus verschiedenen Branchen zur Vielfalt ihrer Belegschaft und zur Innovation bei Produkten und Services befragt wurden. Unternehmen mit einem Frauenanteil in den Führungsetagen, der über dem genannten Schwellenwert liegt, sind deutlich innovativer. Der Umsatzanteil von innovativen Produkten lag bei den Top-Performern um durchschnittlich 35 Prozent höher, als bei den Schlusslichtern im Hinblick auf den Frauenanteil.

Also, worauf noch warten? Gründe und Möglichkeiten, Mädchen für Technologien zu begeistern, gibt es genug!