IATF 16949 – Definition, Entstehung und Erfüllung im Überblick

Veröffentlicht 01.08.2022
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Tim Wohlert

Tim Wohlert Customer Relations Manufacturing d.velop

Beitragsbild Blogartikel IATF 16949

Kaum eine andere Branche befindet sich derzeit in einem so massiven Umbruch wie die Automobilindustrie. Die rasanten technologischen Entwicklungen bei gleichzeitig immer komplexer werdenden Marktstrukturen führen zu einer angespannten Situation, welche die beteiligten Unternehmen vor einige Herausforderungen stellt. So müssen in zunehmend kürzeren Zeitintervallen höchst innovative Produkte entwickelt werden, die ebenso den steigenden Anforderungen in Bezug auf Qualität und Sicherheit vollständig entsprechen.

Bedeutung der IATF 16949

Um hier wettbewerbsfähig zu bleiben, ist die Erreichung einer optimalen Kosten-Exzellenz unerlässlich. Dazu bedienen sich die meisten Hersteller dem sogenannten Outsourcing, d.h. die Auslagerung von bisher selbst erbrachten Leistungen an externe Auftragnehmer. Die daraus resultierenden, teils sehr komplexen Lieferketten, erfordern strenge Qualitätskontrollen und eine maximale Standardisierung. Vor diesem Hintergrund ist der Einsatz eines Qualitätsmanagementsystems mit einem strukturierten Qualitätskonzept von entscheidender Bedeutung. Die wesentlichen Anforderungen an ein solches Qualitätsmanagementsystem wurden international vereinheitlicht und im Rahmen der IATF 16949 festgehalten.

Sie gilt für alle Unternehmen, die Komponenten, Baugruppen und Teile für die Automobilindustrie herstellen. Eine Zertifizierung nach der IATF 16949 ist oftmals sogar eine vertragliche Voraussetzung für die Zusammenarbeit innerhalb der Branche und führt bei Nichtvorhandensein zu einem Verlust der Beauftragungsfähigkeit.

Definition IATF 16949

Die IATF 16949 ist eine Norm, die existierende allgemeine Forderungen an Qualitätsmanagementsysteme der (meist nordamerikanischen und europäischen) Automobilindustrie vereint.

Die Entstehung der IATF 16949

In der Vergangenheit mussten viele Automobilzulieferer ihre Qualitätsmanagementsysteme nach den jeweiligen Bestimmungen der nationalen Verbände (bspw. der VDA in Deutschland oder die AIAG in den USA) aufbauen und zertifizieren lassen. Dies hatte zur Folge, dass ein Lieferant teils mehrere Zertifikate für die Zusammenarbeit mit nur einem international agierenden OEM benötigte. Aus diesem Umstand resultierte mit der Zeit ein immer größeres Harmonisierungsbedürfnis, sodass man schlussendlich versuchte, die allgemeinen Forderungen an Qualitätsmanagementsysteme in der Automobilindustrie zu vereinheitlichen. Dazu wurde im ersten Schritt die bestehende ISO 9001 um branchenspezifische Regelungen erweitert und im Jahr 1999 als erste Ausgabe der ISO TS 16949 veröffentlicht. Nach stetiger Weiterentwicklung in den folgenden Jahren wird die Norm seit Oktober 2016 nicht mehr als ISO TS 16949, sondern unter der Bezeichnung IATF 16949 geführt.

Wer oder was ist die IATF?

Die International Automotive Task Force (kurz IATF) ist eine Arbeitsgruppe der großen Automobilhersteller und ihrer jeweiligen nationalen Verbände, die mit dem Ziel gegründet wurde, die Produktqualität für Automobilkunden weltweit zu verbessern. Im Fokus steht dabei insbesondere die Entwicklung von international einheitlichen Anforderungen an Qualitätsmanagementsysteme für die direkten Zulieferer der teilnehmenden Unternehmen. Ebenso unterstützt die Arbeitsgruppe durch eine Bereitstellung von geeigneten Schulungsmaßnahmen dabei, die Vorgaben der IATF 16949 umzusetzen und einzuhalten.

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Die IATF-Mitglieder setzen sich wie folgt zusammen:

1. OEM (Fahrzeughersteller):

  • BMW Group
  • Ford Motor Company
  • Geely Group
  • General Motors
  • IVECO Group
  • Jaguar Land Rover (JLR) Limited
  • Mercedes-Benz Group AG
  • Renault Group
  • Stellantis (ex FCA)
  • Stellantis (ex PSA)
  • Volkswagen AG

2. Nationale Verbände:

  • AIAG (USA)
  • ANFIA (Italien)
  • FIEV (Frankreich)
  • SMMT (Großbritannien)
  • VDA (Deutschland)

Die Struktur der IATF 16949

Die IATF 16949 basiert auf der High-Level Structure, welcher von der internationalen Organisation für Normung (ISO) als Grundstruktur für Managementsystemnormen veröffentlicht wurde. Gemäß diesem Schema setzt sich die IATF 16949 aus den folgenden 10 Kapiteln zusammen:

  • Kapitel 1: Anwendungsbereich
  • Kapitel 2: Normative Verweisungen
  • Kapitel 3: Begriffe
  • Kapitel 4: Kontext der Organisation
  • Kapitel 5: Führung
  • Kapitel 6: Planung
  • Kapitel 7: Unterstützung
  • Kapitel 8: Betrieb
  • Kapitel 9: Bewertung der Leistung
  • Kapitel 10: Verbesserung

Relevant für eine IATF-Zertifizierung sind die Kapitel 4 bis 10. Hier werden die konkreten Anforderungen an ein Qualitätsmanagementsystem beschrieben. Der Aufbau folgt dabei dem PDCA-Zyklus, welcher ein grundlegendes Konzept für die kontinuierliche Weiterentwicklung von Produkten und Dienstleistungen darstellt. Das Modell besteht aus vier sich wiederholenden Phasen, die sich den oben genannten Kapiteln der IATF 16949 zuordnen lassen:

  • PLAN (Planung): Kapitel 4, 5 und 6
  • DO (Durchführung): Kapitel 7 und 8
  • Check (Prüfung): Kapitel 9
  • Act (Verbesserung): Kapitel 10

Die IATF-Zertifizierung

Die Zertifizierung nach IATF 16949 erfolgt auf Basis der Zertifizierungsvorgaben, welche von der International Automotive Task Force (IATF) herausgegeben wurden. Das Zertifikat ist jedoch lediglich drei Jahre gültig und muss jährlich von IATF-zertifizierten Auditoren akkreditierter Zertifizierungsgesellschaften bestätigt werden. Nach jeweils drei Jahren ist eine Re-Zertifizierung für die nächste Periode mit erneut jährlicher Bestätigung erforderlich.

Anforderungen der IATF 16949 Zertifizierung

Eine wesentliche Anforderung für die Zertifizierung nach IATF 16949 ist die Dokumentation verschiedenster Unternehmensprozesse. So müssen beispielsweise die Kompetenzen der internen Auditoren, technische Spezifikationen, die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen, der Lieferantenauswahlprozess, gesetzliche und behördliche Anforderungen, die Überwachung der Lieferanten und das interne Auditprogramm in einer Prozessdokumentation schriftlich festgehalten werden. Ebenso ist die Erstellung eines Qualitätsmanagement-Handbuchs unerlässlich.

Unternehmens- und Qualitätsmanagement-Prozesse sind gleichwohl in den wenigsten Fällen starr, sondern unterliegen einer hohen Dynamik. Die stetige Optimierung der internen und externen Prozesse muss somit auch in den Prozessbeschreibungen nachvollziehbar dokumentiert werden.

Neben der initialen Erstellung ist also auch eine fortlaufende Aktualisierung der genannten Dokumente unabdingbar. Vor der Veröffentlichung einer neuen Version wird in der Regel ein interner Prüf- und Freigabeprozess durchlaufen. Damit die Inhalte später auch entsprechend umgesetzt werden, müssen die Prozessdokumentationen zudem zentral und für alle beteiligten Mitarbeitenden zugänglich aufbewahrt werden. Ergänzend dazu kann auch der Auditor im Kontext der jährlichen Zertifikatsbestätigung und/oder Re-Zertifizierung eine Einsicht in die Unterlagen verlangen.

Schnellere und einfachere Erfüllung der IATF 16949 durch unterstützende Qualitätsmanagement-Software

Um das Handling der Dokumente dabei möglichst einfach zu gestalten, hat sich der Einsatz eines Dokumentenmanagementsystems (DMS) vielfach bewährt. Mit einer solchen Lösung werden sämtliche für die IATF 16949 relevanten Dokumente (Prozessbeschreibungen, QM-Handbuch, etc.) in einer zentralen IATF-Akte strukturiert gespeichert und sind so jederzeit aufrufbar. Gleichzeitig erhalten die Dokumente automatisch bestimmte Eigenschaftswerte (Metadaten) wie das Erstell- und Freigabedatum, die verantwortliche Person, vorgenommene Aktualisierungen mit erneuter Freigabe und der jeweilige Versionsstand. Folglich ist transparent dargestellt, wann und durch wen bestimmte Anpassungen vorgenommen wurden und welche Fassung aktuell gültig ist. Nach der Bearbeitung eines Dokumentes wird direkt aus dem DMS heraus ein Prüf- und Freigabeworkflow gestartet, welcher wie nachstehend skizziert aussehen könnte:

Infografik IATF 16946 Workflow

Im ersten Schritt erfolgt die Prüfung des neuen oder überarbeiteten Dokumentes durch eine zeichnungsberechtigte Person. Dies sind in der Regel die Prokuristen:innen, Geschäftsführer:innen oder der Vorstand. Sofern der Entwurf noch angepasst werden muss, geht der Workflow automatisch zur Überarbeitung zurück an die Person, die das Dokument erstellt hat. Sobald das Dokument der Erwartungshaltung des Prüfenden entspricht, unterzeichnet er dies anschließend mit der integrierten Lösung zur digitalen Signatur einer QM-Dokumentation. Daraufhin erhält der QMB eine Benachrichtigung, sodass er die neue Version im DMS veröffentlichen kann. Mit diesem Moment verliert die bisherige Fassung ihre Gültigkeit und alle relevanten Mitarbeitenden werden automatisch durch den Workflow zur Kenntnisnahme des aktualisierten Dokumentes informiert.

Unterstützung durch digitale IATF-Akte

Ein DMS unterstützt im Kontext der IATF 16949 demnach bei der initialen Zertifizierung, indem sämtliche geforderten Dokumente zentral erstellt und in einer digitalen Akte strukturiert erfasst werden. Gleichermaßen sind nachträgliche Anpassungen der Inhalte jederzeit nachvollziehbar, sodass auch für die regelmäßigen Bestätigungen und Re-Zertifizierungen ein entsprechender Nachweis einfach möglich ist. Darüber hinaus werden die Unternehmensprozesse durch eine Verteilung der Informationen an alle Mitarbeitenden aktiv umgesetzt, was schlussendlich zu einer bedeutend höheren Effizienz führt.

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