Zukunft der Logistik: Triple Transformation und neue Anforderungen an die Informationsarchitektur

Veröffentlicht 20.02.2026

Matthias Becker Head of Sales Private Economy d.velop

Beitragsbild Blogartikel Zukunft der Logistik: LKW auf der Straße

Die Logistikbranche steht unter enormem Transformationsdruck. Digitalisierung, geopolitische Unsicherheiten, ESG-Vorgaben sowie steigende Compliance und Sicherheitsanforderungen wirken gleichzeitig auf Geschäftsmodelle, Prozesse und IT-Landschaften ein. Im Gespräch mit dem d.velop blog erläutert Matthias Becker, seit 17 Jahren Teil der d.velop AG und erfahrener Begleiter zahlreicher Digitalisierungsprojekte in der Logistik, welche Entwicklungen die Logistikbranche aktuell prägen und welche strategischen Maßnahmen insbesondere Enterprise-Unternehmen, nach seiner Meinung, jetzt ergreifen sollten.

d.velop blog: Wie würdest du die aktuelle Lage der Logistikbranche einordnen?

Matthias Becker: Wir erleben tatsächlich keinen klassischen Wandel, sondern einen tiefgreifenden strukturellen Umbau. Die Anforderungen reichen von Digitalisierung über Resilienz und ESG-Reporting bis zu zunehmenden Cyberrisiken und volatilen Märkten. Aus meiner Sicht prägen 2026 vor allem drei dominante Schwerpunkte die Branche:

  • Digitale Prozessautomatisierung
  • Aufbau resilienter Lieferketten
  • Nachhaltigkeits- und Compliance-Fähigkeit

Diese Themen sind nicht voneinander trennbar. Sie greifen ineinander und verändern die Art und Weise, wie Logistikunternehmen ihre Unternehmen steuern müssen.

Matthias Becker: Ich bin der Meinung, dass es fünf Entwicklungen gibt, die derzeit besonders relevant für den Logistiksektor sind:

1. KI ist operativ geworden und nicht mehr nur ein Buzzword

Künstliche Intelligenz muss operativ im Unternehmen eingesetzt werden und im Tagesgeschäft wirken: in der Disposition, in Prognosesystemen oder in der Dokumentenverarbeitung. Unternehmen, die KI nicht produktiv nutzen, werden langfristig nicht skalieren können.

2. Resilienz ersetzt reine Effizienzlogik

Unternehmen setzen stärker auf Multi-Sourcing, Nearshoring und echte Transparenz in der Supply Chain. Stabilität gewinnt gegenüber kurzfristiger Kostenoptimierung.

3. ESG wird geschäftskritisch

Nachhaltigkeitsnachweise sind immer mehr fester Vertragsbestandteil. Ohne strukturierte Dokumentation verlieren Unternehmen Marktzugang und sind nicht wettbewerbsfähig.

4. Cybersecurity ist noch wichtiger geworden

Vernetzte Logistiksysteme erhöhen die Angriffsfläche. Governance- und Sicherheitsarchitekturen müssen überprüft, neu bewertet und ggf. auch neu gedacht werden.

5. Integration statt Tool-Silos

Viele Unternehmen haben ihre Prozesse digitalisiert, aber nicht integriert. Medienbrüche verhindern Skalierbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit.

d.velop blog: Häufig hört man im Kontext der Zukunft der Logistik den Begriff Triple Transformation. Was bedeutet er konkret?

Matthias Becker: Triple Transformation beschreibt die Gleichzeitigkeit von Digitalisierung, Resilienz und Nachhaltigkeit. Diese Dimensionen lassen sich nicht getrennt bearbeiten. Digitalisierung schafft Transparenz. Resilienz erfordert belastbare Informationsflüsse. Nachhaltigkeit setzt strukturierte Nachweisfähigkeit voraus. Der gemeinsame Nenner ist in meinen Augen: Informationsmanagement.

d.velop blog: Warum wird Dokumentenmanagement in diesem Kontext strategisch relevant?

Matthias Becker: Weil jede Transformation auch dokumentengetrieben ist oder zumindest von dokumentbasierten Prozessen begleitet wird.

In der Logistik entstehen täglich enorme Volumina an:

  • Frachtbriefen
  • Zoll- und Exportdokumenten
  • ESG-Nachweisen
  • Rechnungen
  • Vertragsunterlagen
  • Audit-Dokumentationen

Wenn diese Informationen fragmentiert vorliegen, entstehen Effizienzverluste, Compliance-Risiken und operative Verzögerungen. Des Weiteren verlieren Unternehmen dadurch Wettbewerbsfähigkeit. Ein modernes Enterprise-Dokumentenmanagement ist mehr als nur eine digitale Ablage oder der immer noch weit verbreitete Begriff: Ein Archiv. Im Zentrum steht vielmehr eine integrierte Informationsplattform, die:

  • Dokumente mit Workflows verbindet
  • ERP-, TMS- und WMS-Systeme integriert
  • revisionssichere Archivierung gewährleistet
  • KI-gestützte Klassifizierung ermöglicht
  • Compliance-Anforderungen systemisch unterstützt.

Dokumentenmanagement wird damit zur Grundlage organisatorischer Steuerungsfähigkeit.

Mehr als Ablage: Digitales Dokumentenmanagement neu gedacht

d.velop blog: Was sollten Enterprise- und mittelständische Unternehmen konkret anders machen als KMUs?

Matthias Becker: Große Unternehmen stehen vor anderen Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Komplexität, internationale Strukturen und regulatorische Anforderungen.

Aus meiner Erfahrung empfehle ich diese fünf Punkte:

1. Informationsarchitektur standardisieren

Nationale und internationale Standorte arbeiten häufig mit heterogenen Systemen. Ohne einheitliche Dokumenten- und Prozessstandards entstehen Governance-Risiken. Enterprise-Unternehmen benötigen eine skalierbare, standortübergreifende Architektur.

2. DMS als Plattform denken

Heute kann ein DMS-System nicht mehr als ein isoliertes DMS-Projekt gesehen werden. Das reicht nicht aus. Unternehmen benötigen eine ganzheitliche Plattformstrategie, die ERP-Systeme integriert, API-fähig ist, Cloud- und Hybrid-Szenarien unterstützt und konzernweite Governance-Regeln abbildet.

3. Compliance-by-Design etablieren

Regulatorische Anforderungen müssen im Unternehmen systemisch eingebettet sein und nicht nur reaktiv erfüllt werden. Hierzu gehören: automatisierte Aufbewahrungsfristen, Audit-Trails und personenbasierte Zugriffe.

4. KI nur auf sauberer Datenbasis skalieren

Viele Konzerne investieren in KI, ohne ihre Daten- und Dokumentenstruktur zu konsolidieren. Ohne strukturierte Informationsbasis bleiben KI-Projekte isolierte Leuchttürme.

5. Dokumentenmanagement als Change-Projekt verstehen

Eine Enterprise-Transformation ist eine Organisationsentwicklung und benötigt Zeit. Prozesse müssen durchdacht werden und Mitarbeitende müssen mitgenommen werden, ohne die geht es nicht.
Zusammenfassend: es geht um Prozessharmonisierung, Governance und Kultur im Unternehmen und nicht nur um die Technologie.

d.velop blog: Kannst du ein Praxisbeispiel für den erfolgreichen Einsatz eines Enterprise DMS nennen?

Matthias Becker: Ein gutes Beispiel aus der Logistik ist die Zusammenarbeit mit der Duvenbeck Unternehmensgruppe, einem international tätigen Logistikdienstleister. Duvenbeck hatte das Ziel des Aufbaus einer unternehmensweit einheitlichen Dokumenten- und Prozessarchitektur. Durch die Einführung von digitalen Akten, automatisierten Workflows und, sehr wichtig, der Systemintegration konnten Durchlaufzeiten reduziert, Transparenz standortübergreifend erhöht, Medienbrüche minimiert und revisionssichere Dokumentation sichergestellt werden.

Ein weiteres spannendes Beispiel aus dem Enterprise-Umfeld im Maschinen- und Anlagenbau ist der Dürr-Konzern

Im Webinar „Wie der Dürr-Konzern Dokumentenmanagement über Systemgrenzen hinweg löst“ zeigen Verantwortliche, wie Dokumentenmanagement in einer komplexen, internationalen Systemlandschaft erfolgreich integriert wurde.

Gerade in Konzernstrukturen wird deutlich: Effizienz entsteht nicht durch isolierte Tools, sondern durch systemübergreifende Informationsarchitektur. Dies ist ein enormes Potenzial, unabhängig von der Branche.

d.velop blog: Wie bewertest du die regulatorische Entwicklung rund um das Lieferketten Gesetz?

Matthias Becker: Unabhängig von Fristen oder Schwellenwerten bleibt Transparenz strategisch notwendig. ESG-Reporting, Risikodokumentation und Compliance sind 2026 relevante Themen, die sich die Unternehmen annehmen müssen. Unternehmen mit integrierter Dokumentenlandschaft können flexibel reagieren.

Fragmentierte Systemumgebungen hingegen führen bei jeder regulatorischen Anpassung zu hohem manuellem Aufwand. Ich persönlich habe es schon in vielen Unternehmen festgestellt: Regulatorik ist ein Reifegradindikator der Informationsarchitektur jedes Unternehmens.

d.velop blog: Was ist dein finaler strategischer Rat für 2026?

Matthias Becker: Technologie allein schafft keinen Wettbewerbsvorteil. Wettbewerbsvorteile entstehen durch die Punkte, die ich auch vorab schon genannt habe:

  • Transparente Prozesse
  • Saubere Informationsflüsse
  • Integrierte Dokumentenarchitektur
  • Skalierbare Governance

Ich bin mir sicher, die Triple Transformation wird sich weiter beschleunigen. Enterprise-Unternehmen, die ihre Informationsbasis jetzt modernisieren, schaffen die Voraussetzung, nicht nur auf Veränderungen zu reagieren, sondern Märkte aktiv zu gestalten. Dokumentenmanagement wird dabei zur strategischen Infrastruktur.